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Reportage

NSU: Ihr werdet die nächsten Opfer sein!

Ihr werdet die nächsten Opfer sein!

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Wie naiv muss man eigentlich sein, um zu glauben, dass mit Zschäpes Verhaftung alles vorbei sei? Der NSU hinterlässt eine tiefe Wunde in unserer Gesellschaft. Die zeigt sich noch heute.

Zwickauer Terrortrio

13 Jahre lang schockierten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Namen des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrundes“ mit ihren Terroranschlägen in sämtlichen deutschen Städten.
Insgesamt ist das Trio der NSU für zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge und dutzende Raubüberfälle verantwortlich.
Acht Türken, ein Grieche und eine deutsche Polizistin kamen durch die Anschläge ums Leben. Fast alle der Opfer waren Migranten, so deklarierten die Medien die Anschläge häufig auf diskriminierende Weise als „Döner Morde“

Problematisch war dabei, dass die tatsächliche Gefahr erst spät erkannt und beim Namen genannt wurde. Bis zum Selbstmord von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Jahre 2011 sprach man viel mehr von „organisierter Kriminalität“ als von rechtsradikalem Terror.
Seit 2013 läuft der Prozess um die Terror Gruppe.
Der NSU-Prozess gilt mit den Verhandlungen um die RAF und den Ausschwitzprozessen als wichtigster in der Geschichte Deutschlands. Unterstützt soll der NSU von bis zu 200 Personen worden sein. Insgesamt richtete sich das Gerichtsverfahren gegen fünf Angeklagte. Rund 500 Zeugen waren in die Prozesse involviert und es vergingen knapp 400 Verhandlungstage.

Fall Zschäpe

Das Hauptaugenmerk richtet sich jedoch auf die einzig Überlebende des Kerns der NSU -Beate Zschäpe. Die Prozesse verliefen äußerst schleppend, da Zschäpe ganze 249 Tage schwieg. Fast schon aussichtslos und endlos zog sich die Verhandlung um die zähe Angelegenheit der „Zwickauer Terrorzelle“. Obwohl Zschäpe ihr Schweigen unterbrach, bekamen die Richter keine verwertbaren Aussagen von ihr zu hören.
Eigentlich war ein Ende schon viel eher vorgesehen, doch erst im Juli 2017 wurden von der Bundesanwaltschaft die endgültigen Schlussplädoyers veröffentlicht.
Die Angeklagte sei trotz ihrer Abwesenheit an den Tatorten für jeden Mord mitverantwortlich. Ihr Urteil lautete: Lebenslange Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Dies gilt in Deutschland als die härteste Strafe. Beate Zschäpe zählt also von nun ab zu den kriminellsten Personen Deutschlands.

Versagen der Ermittler

Sprachlos macht mich die Tatsache, dass solch ein Trio über ein Jahrzehnt ganz Deutschland in Angst und Schrecken versetzen konnte, ohne dass ihnen der deutsche Staat dabei eher auf die Schliche gekommen ist. Sogar nach dem siebten und achten Mordfall wurde von Seiten der Polizei immer nur in die Richtung eines möglichen Fehlverhaltens der Opfer ermittelt. Dabei wäre es Aufgabe der Polizei, in alle Richtungen zu ermitteln. Vorurteilsfrei und ergebnisoffen.
Wäre das ein Beleg für den Vorwurf, die deutsche Justiz sei auf dem rechten Auge blind? Oder ist das sogar zu verharmlosend dargestellt? Geht vielleicht sogar die Verflechtung der V-Männer mit dem Verfassungsschutz weiter als wir es für möglich gehalten haben?

Lebt der NSU weiter?

Ist es nicht naiv, zu behaupten, der NSU wäre mit der Verurteilung Zschäpes aus der Welt geschafft? Vielmehr kann man davon sprechen, dass die Saat, welche von dem NSU gesät wurde, nach und nach aufgeht.  Dies lässt sich an Bränden in Flüchtlingsheimen oder auch in rechtsradikalen Gruppierungen wie PEGIDA erkennen.
Genauso wie die Beseitigung eines einzelnen Pilzes nicht das ganze Sporengeflecht auslöscht, so bleibt auch der NSU weiterhin bestehen. Wenn auch unter anderem Namen und unter anderer Zusammensetzung. Der Kern derartiger Gruppierungen ist Angst. Die Angst vor Fremdem und Unbekanntem. Diese benannte Angst ist bekanntermaßen Teil von uns allen. Dass diese Angstsaat wirklich die Möglichkeit zum Aufgehen hat, dazu bedarf es verschiedenster Umstände. Besonders in unserer heutigen globalisierten Welt ist es essentiell, darauf zu achten, dass man seine Ängste im wahrsten Sinne des Wortes nicht bekämpft, sondern mit Herz und Verstand bewältigt.

Wünschenswert wäre es also, dass es zukünftig nicht mehr möglich ist, einem solchen Samen Boden zu geben.

Veronika Tieschky ist mit diesem Debütartikel eine neue Autorin bei „MJ Coverage“ und beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Problemstellungen. Mehr gesellschaftspolitische Themen finden Sie hier

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