Freier und unabhängiger Journalismus von Jugendlichen

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Kommentar

Hassen, Ritzen, Selbstmord

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Unter dem Hashtag „Selbsthass“ sind auf Instagram über 100.000 Beiträge zu finden. Unter dem Hashtag „cutting“ über 5 Millionen.

Wenn wir an soziale Medien, wie Instagram oder Snapchat denken, kommen uns Bilder von Essen, Katzen und berühmte Menschen in den Kopf — aber nicht Selbsthass, Selbstverletzung und Selbstmord. Und doch sind sie weit auf diesen Plattformen verbreitet. Unter diesen Hashtags veröffentlichen zahlreiche Nutzer — meist unter einem Pseudonym — Bilder von blutenden Armen, Beinen und andere Verletzungen, die sie sich selbst zugefügt haben.

Nun stellt sich die Frage: sollten solche Inhalte, alleine aufgrund des Jugendschutzes und der vermeintlichen Vorbildfunktion dieser Menschen, auf diesen Diensten sichtbar sein? Sollten die Firmen hinter diesen Seiten und Applikationen eine Zensur einführen und was würde das für die Meinungs- und Ausdrucksfreiheit heißen?

Zunächst muss man klarstellen, dass alle sozialen Netzwerke theoretisch dazu das Recht hätten jeglichen „Content“, der gegen ihre eigens verwalteten Richtlinien verstößt zu entfernen, denn ihre AGB, denen alle Nutzer bei ihrer Anmeldung zustimmen, erlauben es ihnen. Sie können beispielsweise auch Nutzer von ihrer Plattform ausschließen, ohne gegen das Recht der Meinungsfreiheit zu verstoßen. Ein Recht auf Meinung zu haben bedeutet ja auch nicht sie überall und jederzeit äußern zu dürfen. Zumal es sich hierbei nichtmal um eine politische und gesellschaftliche Meinung handelt.

„Mein Leben hat keinen Sinn mehr.“

Die Schemata nach denen die betroffenen Benutzer posten sind meist relativ ähnlich. Zwischen den geklauten Bildern mit Zitaten von „inspirierenden“ Internetseiten über ihre Einsamkeit und die Grausamkeit des Lebens mit poetischen Sätzen, wie „have you ever just cried because you’re you“, mischen sich manchmal Bilder von Selbstverstümmelung. Ganz normal — sogar mit passendem Hashtag. Nun will ich zwar niemanden, der unter einer Depression leidet beleidigen, nur scheint mir die Veröffentlichung von derartigen Inhalten gefährlich für andere. Viele Jugendliche nutzen diese Seiten sehr intensiv, wodurch sie mit hoher Wahrscheinlichkeit diesen Abbildungen ausgesetzt sein werden. Es ist demnach möglich, dass sie in diesem emotionsreichen Lebensabschnitt, durch ihre Freunde beeinflusst, in diesen Bildern Vorbilder sehen. Man kann nicht ernsthaft jedem zutrauen mit solchen grausamen Bildern umgehen zu können, weshalb ich Ihnen Beispiele an dieser Stelle erspare. Unter anderem wird durch die Verbreitung und den Austausch dieser Nutzer auch eine Art Kult um die Selbstverletzung geschaffen. Wenn diese Gruppen sich gegenseitig Bestätigung zusprechen kann das Problem dadurch exponentiell verschlimmert werden.

In einer Studie der Ulmer Universität im Deutschen Sprachraum fanden die Wissenschaftler, dass das Posten von schweren Wunden in diesem Interessenskreis zu hoher Aufmerksamkeit in Form von Kommentaren und Likes führt, was diese Personen weiterhin zur Selbstverletzung treibt. Zudem fanden Sie heraus, dass das Durchschnittsalter der Nutzer, die solche NSSI (non suicidal selfinfjury) Bilder veröffentlichten bei 14,8 Jahren liegt. Leider gab es keinen erkennbaren und einheitlichen Grund dafür, dass die Nutzer sich diese Wunden zufügten und in Bildern veröffentlichen. Einen Link zu dieser Studie finden Sie am Ende dieses Artikels.

Ein ähnliches Phänomen kann in der „Flat earther“ Verschwörungstheoretikerbewegung beobachtet werden. Die Möglichkeit der Vernetzung dieser Interessengruppen hat sie in den letzten Jahren so stark wachsen lassen. Die Verbreitung dieses „cutting“ Phänomens lässt sich ähnlich beschreiben. Natürlich muss man hier erneut klar zwischen tatsächlichen Kranken und jungen, leicht zu beeinflussenden, pubertierenden Jugendlichen unterscheiden. Letztere sind durch diese Informationsverbreitung bzw. Demokratisierung der Information besonders stark betroffen.

Es geht in kleinen Schritten voran

Viele soziale Netzwerke werden sich dieses Problems langsam bewusst. Wenn man auf Instagram öfters nach diesen Seiten, Hashtags oder Wortkombinationen sucht wird eine Meldung der App angezeigt: „Beiträge mit Worten oder Markierungen, nach denen du suchst, können oft Verhaltensweisen fördern, die Schaden anrichten oder gar zum Tod führen können. Falls du gerade schwere Zeiten durchmachst, würden wir dir gerne helfen.“ Darunter wird einem die Möglichkeit gegeben Hilfe zu verständigen, oder sich die Beiträge dennoch anzeigen zu lassen. Aber ist das genug? Wird das eine Person, die sich bereits auf diesen Weg begeben hat davon abhalten weiteren Schaden an sich anzurichten?

Dunkle und helle Seiten

Genauso wie das Internet Nazis Platz bietet können auch diese Menschen ihre „Interessen“ teilen. Genauso wie das Internet Crowdfunding und viele Hilfsorganisationen ermöglicht hat, kann man Waffen und Kinderpornographie kaufen. Wollen wir und die Betreiber derartige Inhalte auf diesen Seiten, die wir täglich benutzen, sehen? Kann man verantworten, dass Jugendliche durch Bilder von blutenden Armen verstört werden? Es ist die Aufgabe des Gesetzgebers und der Exekutive an diesen Stellen anzupacken, Lösungen zu finden und diese schnell umzusetzen. Andernfalls wird auch hier in Europa geschehen, was in den USA schon lange als „going dark“ (in der Dunkelheit verschwinden) bekannt ist. Damit ist der Verlust des Anschlusses der Legislative, der Polizei und Geheimdienste sowie weite Teile der Gesellschaft an die Internetkultur und ihre Auswüchse gemeint.

Unser Autor und Regisseur Luca Zug schreibt auch in diesem Artikel über Ängste und Probleme von Menschen: Und jetzt?

Die oben erwähnte Studie finden Sie hier: #cutting: Non-suicidal self-injury (NSSI) on Instagram

NSU: Ihr werdet die nächsten Opfer sein!

Ihr werdet die nächsten Opfer sein!

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Wie naiv muss man eigentlich sein, um zu glauben, dass mit Zschäpes Verhaftung alles vorbei sei? Der NSU hinterlässt eine tiefe Wunde in unserer Gesellschaft. Die zeigt sich noch heute.

Zwickauer Terrortrio

13 Jahre lang schockierten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Namen des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrundes“ mit ihren Terroranschlägen in sämtlichen deutschen Städten.
Insgesamt ist das Trio der NSU für zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge und dutzende Raubüberfälle verantwortlich.
Acht Türken, ein Grieche und eine deutsche Polizistin kamen durch die Anschläge ums Leben. Fast alle der Opfer waren Migranten, so deklarierten die Medien die Anschläge häufig auf diskriminierende Weise als „Döner Morde“

Problematisch war dabei, dass die tatsächliche Gefahr erst spät erkannt und beim Namen genannt wurde. Bis zum Selbstmord von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Jahre 2011 sprach man viel mehr von „organisierter Kriminalität“ als von rechtsradikalem Terror.
Seit 2013 läuft der Prozess um die Terror Gruppe.
Der NSU-Prozess gilt mit den Verhandlungen um die RAF und den Ausschwitzprozessen als wichtigster in der Geschichte Deutschlands. Unterstützt soll der NSU von bis zu 200 Personen worden sein. Insgesamt richtete sich das Gerichtsverfahren gegen fünf Angeklagte. Rund 500 Zeugen waren in die Prozesse involviert und es vergingen knapp 400 Verhandlungstage.

Fall Zschäpe

Das Hauptaugenmerk richtet sich jedoch auf die einzig Überlebende des Kerns der NSU -Beate Zschäpe. Die Prozesse verliefen äußerst schleppend, da Zschäpe ganze 249 Tage schwieg. Fast schon aussichtslos und endlos zog sich die Verhandlung um die zähe Angelegenheit der „Zwickauer Terrorzelle“. Obwohl Zschäpe ihr Schweigen unterbrach, bekamen die Richter keine verwertbaren Aussagen von ihr zu hören.
Eigentlich war ein Ende schon viel eher vorgesehen, doch erst im Juli 2017 wurden von der Bundesanwaltschaft die endgültigen Schlussplädoyers veröffentlicht.
Die Angeklagte sei trotz ihrer Abwesenheit an den Tatorten für jeden Mord mitverantwortlich. Ihr Urteil lautete: Lebenslange Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Dies gilt in Deutschland als die härteste Strafe. Beate Zschäpe zählt also von nun ab zu den kriminellsten Personen Deutschlands.

Versagen der Ermittler

Sprachlos macht mich die Tatsache, dass solch ein Trio über ein Jahrzehnt ganz Deutschland in Angst und Schrecken versetzen konnte, ohne dass ihnen der deutsche Staat dabei eher auf die Schliche gekommen ist. Sogar nach dem siebten und achten Mordfall wurde von Seiten der Polizei immer nur in die Richtung eines möglichen Fehlverhaltens der Opfer ermittelt. Dabei wäre es Aufgabe der Polizei, in alle Richtungen zu ermitteln. Vorurteilsfrei und ergebnisoffen.
Wäre das ein Beleg für den Vorwurf, die deutsche Justiz sei auf dem rechten Auge blind? Oder ist das sogar zu verharmlosend dargestellt? Geht vielleicht sogar die Verflechtung der V-Männer mit dem Verfassungsschutz weiter als wir es für möglich gehalten haben?

Lebt der NSU weiter?

Ist es nicht naiv, zu behaupten, der NSU wäre mit der Verurteilung Zschäpes aus der Welt geschafft? Vielmehr kann man davon sprechen, dass die Saat, welche von dem NSU gesät wurde, nach und nach aufgeht.  Dies lässt sich an Bränden in Flüchtlingsheimen oder auch in rechtsradikalen Gruppierungen wie PEGIDA erkennen.
Genauso wie die Beseitigung eines einzelnen Pilzes nicht das ganze Sporengeflecht auslöscht, so bleibt auch der NSU weiterhin bestehen. Wenn auch unter anderem Namen und unter anderer Zusammensetzung. Der Kern derartiger Gruppierungen ist Angst. Die Angst vor Fremdem und Unbekanntem. Diese benannte Angst ist bekanntermaßen Teil von uns allen. Dass diese Angstsaat wirklich die Möglichkeit zum Aufgehen hat, dazu bedarf es verschiedenster Umstände. Besonders in unserer heutigen globalisierten Welt ist es essentiell, darauf zu achten, dass man seine Ängste im wahrsten Sinne des Wortes nicht bekämpft, sondern mit Herz und Verstand bewältigt.

Wünschenswert wäre es also, dass es zukünftig nicht mehr möglich ist, einem solchen Samen Boden zu geben.

Veronika Tieschky ist mit diesem Debütartikel eine neue Autorin bei „MJ Coverage“ und beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Problemstellungen. Mehr gesellschaftspolitische Themen finden Sie hier

Sie wollen den größten laufenden Prozess der deutschen Nachkriegsgeschichte besuchen? Termine sind bereits bis Ende August 2018 anberaunt.

Politische Bildung an Schulen scheitert!

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Alexander Spöri sprach im heutigen Sonntagslivestream über die politische Bildung im gymnasialen und bayerischen Bildungswesen, über Mängel in der Aufklärung, über die Wichtigkeit einer Demokratie und über Solidarität- den Zusammenhalt- unserer Gesellschaft. 

Nur Meckern und keine Lösungen?

Das gibt es bei MJ-Coverage nicht! Wir sprechen zwar manchmal knallhart Punkte an, geben aber auf argumentative Weise Änderungswünsche mit an.

MovieJam Studios berät derzeitig über einen wöchentlichen Live-Talk, gegebenenfalles auch mit Gästen. Bisweilen ist nächsten Sonntag bereits ein weiterer Stream geplant. Wir informieren, wie gewohnt, auf allen sozialen Kanälen! 

Alexander Spöri stellte ebenfalls in Textform Petition an den Bayerischen Landtag gegen das Kultusministerium bezüglich politischer Aufklärung: Die Abschrift im Wortlaut

Petitionen an den Bayerischen Landtag kann jeder stellen.

US Capitol in der Haupstadt von Amerika

Amerika, ich verstehe dich nicht

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Manche Sachen wollen mir einfach nicht in den Kopf gehen. Die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre dem Rest der Welt offensichtlich erscheinenden Probleme sind eine davon. Natürlich sollte ich an dieser Stelle klarstellen, dass ich nicht generalisieren und ein ganzes Land mit 300 Millionen Einwohnern in einen Topf werfen will. Es gibt durchaus sehr vernünftige Menschen, die auf ähnliche Weise ihren Staat und manche seiner Einwohner unverständlich und verwirrt betrachten.

Waffen, überall Waffen in Amerika

Bis zu einem gewissen Grad ist der Willen sich und seine Familie vor „den Bösen“ — wer auch immer genau das sein mag — mit eigener Waffengewalt zu verteidigen ja verständlich. Allerdings wurden amerikanische Gesetze, wie das berühmte „Stand your ground“ (das Recht Personen, die Hausfriedensbruch begehen eigenhändig zu ermorden) oder der zweite Verfassungszusatz mit anderen historischen Hintergründen geschrieben, als man annehmen mag. Als 1791 der zweite Artikel des „Bill of Rights“ der Verfassung der USA hinzugefügt wurde, war die Waffentechnik nicht besonders fortgeschritten. Während heute in einer Sekunde mehrere hundert Schuss abgegeben werden können, war es damals üblich eine Einzelschusswaffe mit mindestens 10 Sekunden Nachladezeit zu tragen. Zwar war bessere Waffentechnologie auf dem Weg, aber noch nicht unter der Bevölkerung verbreitet. Dieser Artikel der Verfassung stammt also aus einer Zeit mit langsamen Waffen, die nur relativ kurze Distanzen schießen konnten. Man fragt sich — neben den offensichtlichen Vorteilen, die Waffenregulierungen bieten — nach dem Sinn eines solchen Gesetzes in der heutigen Zeit.

Auch die Forderung nach „mehr Waffen“ nach Amokläufen durch Fanatiker will sich mir nicht so ganz erschließen. Die Argumentation funktioniert meistens wie folgend: „Wenn die Lehrer der Schule des Sandy Hook Massakers alle Waffen getragen hätten, wäre der Schütze nicht weit gekommen…“. Man glaubt also, dass Gewalt durch Pistolen und halbautomatische Maschinengewehre nur mit weiteren Waffen bekämpft werden können. Der Satz „people kill people, weapons don’t“ (Nicht Waffen töten Leute, Leute töten Leute) wird dabei zum geflügelten Sprichwort stilisiert.

Was dabei praktisch kindlich ignoriert wird ist, dass sich diese Geschichte in einem ähnlichen Maße bereits in einem anderen Land vollzog, das Amerika nichtmal so unähnlich ist: Australien.

Nachdem sich Ende der 80er mehrere Massaker mit hunderten Toten in Schulen und anderen öffentlichen Orten vollzogen, verabschiedete die Regierung trotz großer Opposition strikte Regulierungen für Waffen. Seitdem ist die Mordrate drastisch gefallen und die Zahl der Amokläufe wurde stark reduziert.

Wer hier noch an Zufall glaubt, sollte sein Konto auf Zahlungen der Waffenindustrie überprüfen.

Krank und pleite

Sie waren so nahe dran — fast wäre es dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama gelungen ein einigermaßen vernünftiges Krankenkassensystem einzuführen.

Ein perfektes System war es bei weitem nicht, aber ein Ansatz für Verbesserung.

Daraus wird, dank dem aktuellen Präsidenten Trump und der republikanischen Führungsriege, leider nichts.  Zwar war es ihnen bisher noch nicht möglich den ACA (Affordable Care Act) dem „repeal and replace“ (aufheben und ersetzen) Prozess zu unterziehen, doch nach 7-jährigen Beschwerden während der Obama Regierungszeit wurde dem höchste Priorität zugewiesen. Der Präsident hat bereits per Dekret verfügt, dass dem Obamacare Programm Geldmittel entzogen werden und so bereits hunderttausende, wenn nicht millionen Amerikaner ihre Versicherung verlieren. Dem letzten Entwurf des neuen Gesetzes der Republikaner nach würden weitere Millionen ohne Kranken- und Rentenversicherung auskommen müssen. Zudem würde das Gesetz Reiche überproportional entlasten, während arme Amerikaner eine geringere Chance auf eine Unterstützung durch Medicaid (Regierungsprogramm für Arme, das krankenkassenartig funktioniert) haben.

Wenn es wärmer wird, wird doch nur das Wetter besser

Dieser Ansatz in der Politik der Vereinigten Staaten von Amerika manifestierte sich erst mit der aktuellen Regierung. Mit Präsident Donald J. Trump hat das amerikansiche Volk einen Anti-Klimawandelverteter — oder jemanden, der es nicht so ganz versteht — in das Weiße Haus gewählt. Die bereits unterzeichneten Dekrete des obersten Befehlshabers zur Vergrößerung bzw. zum Wiederaufbau der Kohleindustrie zeigen eine Ignoranz gegenüber den vorhandenen Fakten. Auch der von ihm gewählte Vorsitzende der EPA (Environmental Protection Agency; Umweltschutzagentur) hat selbst in der Vergangenheit mehrfach den Klimawandel als große Lüge dargestellt. Er hat sogar die Agentur, deren Vorsitz er jetzt inne hat, als unnötig bezeichnet.

Natürlich ist die Perspektive aus einem Land, das die soziale Marktwirtschaft als ökonomisches System hat sicherlich sehr unterschiedlich. Auch der Ansatz und der Gedanke von Armut wird bei uns sehr unterschiedlich behandelt. Trotzdem scheint mir die Ignoranz, die in der amerikanischen Politik herrscht, überproportional groß zu sein. Mir will sich nicht erschließen, woher das stammt: vielleicht liegt es am Zweiparteiensystem — ich weiß es ehrlicherweise nicht. Der renommierte Wissenschaftler Neil de Grasse Tyson gibt seinem Land keine aussichtsreiche Zukunft. Er spricht davon, dass die Vereinigten Staaten auf der globalen Bühne langsam verschwinden (org. „fade“) werden. Es mag mit einem internationalen Vertrag anfangen, der ohne die USA geschlossen wird und sich dann fortsetzen.

Anfang November beschlossen die APEC (Asia-Pacific Economic Cooperation) Staaten eine engere Zusammenarbeit — die USA waren unter Trump längst aus der Vereinbarung ausgetreten.

Regisseur und Autor Luca Zug schreibt auch in diesem Artikel über weltpolitische Themen: Und jetzt?

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Mit viel Gestik erklärt er seine Vorstellungen.

CSU-Blockade gegen Bildungserneuerung im Freistaat

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Alexander Spöri sprach im bayerischen Landtag mit dem Bildungspolitiker Martin Güll (SPD) über mögliche Bildungsreformen in Bayern. Der Abgeordnete wurde im Sommer durch seine attackierenden Worte gegenüber Kultusminister Spaenle (CSU) in einer hitzigen G8-Diskussion bekannt.

Fehlende Lehrer, Unterrichtsausfall, Frontalunterricht, zu viel Lernstoff und Digitalisierung.
Das Schulsystem muss zeitgemäß werden. „Eine Veränderung werde ich wohl nicht mehr miterleben, solange die CSU regiert“, meint Martin Güll, der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Denn die Regierung handelt nach der Devise: „Never change a running system“.

Martin Güll im Landtag über Bildung
Martin Güll im Plenarsaal des bayerischen Landtags. (Bild: Zug)

Der Schein mag trügen

Warum sollte man etwas verändern, wenn die Ergebnisse doch stimmen?
Bayern ist bundesweiter Spitzenreiter in den VERA-Vergleichsarbeiten und im PISA-Test.
Das Abitur in Bayern ist am Schwierigsten und hat den höchsten Stellenwert in der gesamten Bundesrepublik. Liest sich doch einwandfrei. Güll hebt den Kopf und lacht.
Verschlechtern sich die Resultate einmal, so werden Statistiken beschönigt. Hierbei ist es lange kein Geheimnis mehr, dass seit Jahren Vertretungsstatistiken manipuliert (wir berichteten) und Testergebnisse durch den Ausschluss gewisser Schularten besser dargestellt werden.

„Die CSU blockiert eine Neuorientierung“, pflichtet Güll bei. Nichtsdestotrotz hält er mit wichtigen Verbesserungsansätzen und Lösungsvorschlägen im Landtag Paroli. So will er beispielsweise die Digitalisierung an Schulen stärken. „Es darf nicht nur Technik bereitgestellt werden, sondern auch die Lehrer müssen eingewiesen werden.“ Auch ein alleiniger Informatikunterricht sei ihm nicht genug, denn der Abgeordnete fordert ebenfalls eine bessere Einbindung in den Unterricht.
Wie heute stellt er sich diesen übrigens nicht mehr vor.
Der Bildungsausschussvorsitzende träumt von einem Paradigmenwechsel:
Schule ohne Fächerbindung. Wochenlange Projektseminare. Und diese könnten trotzdem fächerübergreifende Bildung stärken und seien viel näher an der Realität orientiert.

Seit 2008 sitzt Güll nun im Landtag. Zuvor war er selbst Lehrer an einer Hauptschule. Der Bildungssprecher gibt zu, dass „er damals auch falsch inadäquat“ unterrichtet habe, dann aber sein Paradigma änderte. Eine bessere, zeitgemäße Denkweise, machte ihn im Maximilianeumsgebäude womöglich zu einem der größten Konkurrenten gegenüber dem Establishment.

Mit viel Gestik erklärt er seine Vorstellungen. (Bild: Zug)

Gegen Zentralisierung der Bildung, aber für Veränderung

Der Abgeordnete besuchte führende Bildungsnationen (nach der PISA-Studie) wie Singapur, Estland und Finnland, kam aber letztendlich zu der Erkenntnis, dass diese Systeme nicht einfach in Deutschland übernommen werden können. Güll ist gegen die Zentralisierung des Schulsystems: „Finnland ist so groß wie ungefähr zwei deutsche Bundesländer.“ Eine solche Zentralisierung auf Bundesebene sei dort einfacher, hier jedoch nicht durchführbar, da die Bundesrepublik einfach „zu vielschichtig“ sei. Dennoch mag er dem Bund mehr Aufgaben zukommen lassen. So könnte er beispielsweise finanziell besser einspringen. Zurzeit sind die Bundesländer da noch recht auf sich selbst gestellt.

Was können wir machen?

Immer wieder fällt der Begriff „Paradigmenwechsel“. Güll erklärt. Güll schwelgt. Güll träumt.
Der Traum ist allerdings gut. Wie können wir Änderungen forcieren? “ Einerseits durch Petitionen“, meint der Politiker.

Auf der Homepage des bayerischen Landtags können Petitionen gestellt werden. Jede einzelne muss dann von den Verantwortlichen abgearbeitet werden.

 Da könnte man der Regierung mal ordentlich einheizen.
Wirklich handeln würde die Landesregierung allerdings nur „wenn der öffentliche Druck zu groß wird“. Genauso war es bei der Debatte über die Rückführung zum neunjährigen Gymnasium. Dann greift gegebenenfalls sogar der Ministerpräsident Horst Seehofer ein. „Er hat ein gutes Gefühl dafür, wenn der Druck zu groß wird.“ Vor einigen Wochen titelte die Süddeutsche Zeitung: „Spaenle, der bestbezahlteste Praktikant Deutschlands“. In den letzten Monaten war er dies auf jeden Fall.

Schülerdemonstrationen?

„Schüler könnten sich ebenfalls mehr organisieren“, ergänzt Güll, „natürlich auch in Form von Demonstrationen“.
Das sei hier durchaus angebracht.
Eltern wollen eine Veränderung. Schüler wollen eine Veränderung. Lehrer wollen eine Veränderung. Politiker wollen eine Veränderung. Selbst das Ausland fragt sich bereits, warum Deutschland als eines der stärksten Industrieländer, doch am Wenigsten für die Bildung des eigenen Nachwuchses ausgibt.
„Die Zeit verändert sich, die Gesellschaft verändert sich, die Welt verändert sich“, beschreibt Güll zum Ende des Gespräches, „auch Bildung muss voranschreiten.“

 

Der Produzent Alexander Spöri schrieb weitere Artikel über Bildung wie: Erwachsenwerden oder Kind sein?

Und jetzt?

von

Angst: In Europa steigt die Anzahl der Terroranschläge, man denkt: Gewalt ist auf dem Vormarsch. Weltweit zerstört der Klimawandel den Planeten, rechte (anti-Klima) Parteien werden von der älteren Demographie in die Parlamente gewählt. Wirtschaftsprofessoren sprechen von einer großen Geldblase, die in naher Zukunft platzen könnte.

Was heißt das für meine Generation?

In einem Video zum Jahr 2016, produziert für die Sendung des Komikers John Oliver, lamentiert ein amerikanischer Passant mit dem treffenden Satz „the world feels a little bit colder“ (die Welt fühlt sich [nach diesem Jahr] ein wenig kälter an) die Geschehnisse des vorangegangenen Jahres. Nach all dem, was uns in den Nachrichten erreicht, möchte man ihm gleich zustimmen. Wir haben mehr Angst auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, die Fußgängerzone zu betreten und über Politik zu sprechen. Einer Umfrage zufolge nehmen 71 Prozent von 2400 Befragten Deutschen Terrorismus als Gefahr für sich selbst wahr (R+V Versicherung 2017). Wenn es unsere Region betrifft fühlt es sich immer so an, als ginge es gegen uns persönlich. Paris war noch weit entfernt, der Breitscheidplatz in Berlin dann schon nicht mehr.

Battle war attacks

Geschätzte Anzahl aller Toten in Kriegen von 1946 bis 2007

Den meisten Jugendlichen geht es so wie mir: wir fragen uns, was unser Platz in all dem ist? Sollen wir in Zukunft mit so etwas leben müssen? Was passiert gerade? Ist das überhaupt so schlimm, wie alle sagen und was kann man machen?

”Was passiert überhaupt?“

Grundsätzlich muss man zunächst das große Ganze betrachten. Es stimmt zwar, dass Terrorismus weltweit zugenommen hat. Dies liegt größtenteils am territorialen Untergang des „IS“ und seinen damit verbundenen Aufrufen zu jeglicher Gewalt gegen die westliche Welt. Nur wird oftmals nicht bedacht, dass Terror nicht alles ist. Sicherlich — es ist größer und angsteinflößender, als eine Prügelei mit fatalem Ausgang am nächsten Bahnhof, aber seltener. Wesentlich mehr Menschen sterben in Deutschland in Autounfällen, als durch Terroranschläge. Wir haben uns als Gesellschaft nur entschieden, dass das zum Risiko dazu gehört. Ich will auf keinen Fall sagen, dass Terrorismus und seine Folgen normalisiert werden sollten: ich will jediglich unser Level von Angst mit dem Risiko, dem wir ausgesetzt sind, gleichsetzen.

Angst durch Terrorismus?

Tote bei Terrorattacken in Westeuropa von 1970 bis 2015

 

Tödliche Gewalt

Tödliche Gewalt aller Art in Deutschland

Das Statistische Bundesamt belegt: Gewalttaten werden seltener, es sterben weniger Menschen durch Kriege, als zu jedem Zeitpunkt im 20. Jahrhundert. Die soziale bzw. freie Marktwirtschaft hat die Welt international stabiler und sicherer gemacht. Heutzutage ist es weniger rentabel ein Land einzunehmen, anstatt Handel mit ihm zu betreiben und so auf ähnliche Weise die Rohstoffe zu nutzen. Zudem wurde durch die Vereinten Nationen ein Sicherheitsnetz aus Sanktionspartnern aufgebaut, das ein Weltkrieg unwahrscheinlich macht — falls es nicht durch einen gewissen amerikanischen Präsidenten destabilisiert wird.

Was macht uns dann Angst?

Einen großen Teil spielen ohne Zweifel die Massenmedien, die durch ihre Funktion und unsere kurze Aufmerksamkeitsspanne dazu gezwungen sind, alles möglichst krass, spektakulär und geil dazustellen. Kürze vor Genauigkeit ist das Motto. Glücklicherweise gibt es dazu bereits Gegenbewegungen — die Rentabilität muss sich allerdings noch zeigen. Ein weiterer Teil ist sicherlich die Angstmanipulation populistischer Parteien.


Coverage versucht stets neutral zu bleiben, weshalb wir uns von „Name-Dropping“ fern halten.


Besonders die Wahlkämpfe des Jahres 2017 haben dabei die Ängste der Bürger geschürt, wie selten zuvor. Diese, vor allem rechten, Parteien sprechen dabei die älteren Menschen an: „Dein einstig schönes Land geht zu Grunde“, ist wohl dabei die suggestive Nachricht. Viele springen darauf an, eigentlich nur in gutem Gewissen: zum Wohle der Söhne, Töchter und Enkelkinder! Gesamtgesellschaftlich verändert uns dieser Fokus auf bestimmte, möglicherweise sogar unwichtige, Themenbereiche in eine ängstliche Population, die am liebsten alles und jeden aussperren würde.

Was jetzt?

Alle diese Themen stehen im Konflikt zur Meinung, die ein Großteil der Jugendlichen bewiesenermaßen vertreten. Einerseits herrscht ein breiter Konsens gegen rechte Parteien, unter anderem da die meisten mit der Klimaschutzbotschaft aufgewachsen sind und diese kennen, respektieren und leben wollen. Weniges macht und mehr Angst und bedroht in unseren Gedanken unsere Lebensweise, wie Terrorismus. Bedenken Sie: Wir sind in den sicheren deutschen 2000ern aufgewachsen. Wir haben keine RAF, Nachkriegszeit oder Krisen bewusst erlebt.

Wichtig ist demnach, dass uns gesagt wird, warum das alles passiert. Was sind die Hintergründe? Wer hat das verursacht? Andernfalls laufen wir Gefahr eine Generation von Angstwählern aufzuziehen, die ihre Entscheidungen auf Zurufe und Parolen, anstatt Fakten zu basieren. — Aber haben wir das nicht jetzt schon? 😉

MovieJam Studios und der Regisseur Luca Zug gewann 2014 mit ihrem Film „Olympia ’72“ über den Terror gegen israelische Athleten bei den Olympischen Spielen 1972 eine Anerkennung beim FlimmernundRauschen Filmfest in München. Über Jugendliche Fragen schreibt er auch hier: Geändert hat sich nichts.

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Spaenle spricht über die Oberstufe

Oberstufe am Gymnasium: Erwachsenwerden oder Kind sein?

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Die Ausbildung von Jugendlichen in der gymnasialen Oberstufe scheitert. Denken und Arbeiten wie Vollzeitbeschäftigte, und doch im individuellen Heranwachsen zum Erwachsenen gestört.

„Schüler werden auf ihr zukünftiges Berufsleben vorbereitet.“
Oft sprechen Lehrer diesen Satz in der Oberstufe aus. Entweder ist dessen Wahrheitsgehalt einfach überbewertet oder es handelt sich lediglich um einen schlechten Witz.
Was nützt unserer Gesellschaft das Eintrichtern von Informationen in der Schule, die wiedergegeben, nach Äquivalenz bewertet werden, wenn es doch die kreative Selbstentschlossenheit zur Kreation und Innovation ist, die unser Land vorantreibt?

Auch in der Oberstufe hat sich nichts geändert. Die ersten Gymnasiasten werden volljährig und doch in ihrer selbstständigen Entfaltung eingeschränkt.
Die Anforderung: Denken wie Erwachsene. Arbeiten wie Erwachsene.
Und gleichzeitig Hausaufgaben machen, für lästige Abfragen lernen, unangekündigte Exen schreiben und die Meinung des Lehrers reproduzieren. So überlebt man die schulische Laufbahn am Einfachsten. Mag es auch pädagogische Sichtweisen und Erkenntnisse geben, die Bildung so definieren, handelt es sich trotzdem um nichts Geringeres als ein Überstrapazieren des Alltages.
Wir, Jugendliche, haben eine verpflichtende 32-Stunden-Woche. Angereichert wird diese mit individuellen zusätzlichen Wahlkursen, Additum und Seminaren. Hinzu kommt eine empfohlene tägliche Lernzeit zur Vertiefung des Unterrichtsstoffes in der Oberstufe von zwei bis vier Stunden. Hausaugaben kommen auch noch dazu, vergessen wir aber nicht die Referate, die elenden Lernnächte für eine ausreichende Leistung in der Klausur, sowie die Nächte, in denen wir vor unseren Büchern einschlafen.

Wir, Schüler, leisten so viel wie ein Vollzeitbeschäftigter! Die Entlohnung: Ein Zettel, auf dem draufsteht, wie viel Punkte wir gesammelt haben. Mag es auch keine körperliche Arbeit sein, ist es de facto ein Leistungsdruck, wie er wohl kaum einen Berufstätigen belastet.

Eine Oberstufenstunde beginnt: Begrüßung- und dann werden auch schon fremde Hefteinträge und Arbeitsblätter nach dem Prinzip des Auswendiglernens abgefragt. Und dann? In vielen Fächern geht es gleich weiter mit einem erneuten Abschreiben eines zu lernenden Tafelbildes.
Mental abwesende Schüler werden derweil mit kontroversen Fragen, deren Antworten sie sowieso nicht kennen, konfrontiert. Haben diese Jugendlichen keine Lust auf den Unterricht oder erscheint ihnen dieser einfach so monoton, dass sie das Interesse am Thema verlieren? Die Antwort liegt wohl auf der Hand.

Anschließend werden noch zügig Hausaufgaben- und wehe man hat sie nicht erledigt- kontrolliert und dann klingelt es auch schon zum Stundenende.

Die Aufgabe eines Lehrers ist es, den Horizont zu erweitern, das Interesse für nie dagewesene Themen zu wecken, zur Kreativität anzuregen, dieser freien Lauf zu lassen, sodass sich nach Eigenreflexion des Schülers, in einem weiterführenden Prozess, die eigene Meinung bildet.
Mit der Devise „Begrüßen-Abfragen-Abschreiben-Hausaufgabenkontrolle-Hausaufgabenaufgeben“ wird diese nicht zu Stande kommen.

An die Lehrer der Oberstufe

Liebe Lehrer, nun ist die Zeit gekommen, Ihnen ein erweitertes Konzept vorzustellen. Die Jugend erreichen Sie nicht, indem sie Schüler fragen, was sie interessiert, denn das wissen sie oftmals ohnehin noch gar nicht.
Versetzen Sie sich doch einmal in Ihre Zeit am Gymnasium. Sicher waren Sie auch kein Fan von elend langen Ausfragen, spontanen Stegreifaufgaben, dem ewigen Abschreiben sämtlicher Hefteinträge und dem Auswendiglernen von Fakten. Ihr Job ist es, Schüler für Ihre Themen zu gewinnen. Wie soll das gehen, wenn oftmals schon die Eigenüberzeugung fehlt? Wir werden Ihnen niemals alle folgen können, Sie können die Mehrheit jedoch weit weg von Leistungsdruck abholen. Wecken Sie doch unser Interesse! Oftmals lernen wir Dinge, deren reale Anwendung nie weiter erläutert wird. Erweitern Sie Ihr Unterrichtskonzept, dann ändert sich vieles von alleine.

Einerseits sollen wir, Jugendliche, erwachsen werden, müssen uns dann allerdings noch in der Oberstufe mit inkohärenten und ungebräuchlichen Leistungsforderungen auseinandersetzen: Welcher Arbeitgeber frägt täglich spontan vier bis sechs völlig unterschiedliche Thematiken in auswendiggelernten Bereichen ab?
Unsere Gesellschaft benötigt Innovation durch Kreation, nicht Reproduktion. Kreation und nötige Kreativität entstehen durch die Expansion des Unterrichtes weg vom 0815-Standard! Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Gerne lade ich Sie zu diesem ein!

 

MovieJam Studios und Produzent Alexander Spöri gewannen 2017 den Münchner Jugendfilmpreis in der Kategorie „Bester Film“ für die Bildungsreportage Das (Bildungs)system.
In dieser Kategorie schreibt derzeit auch Regisseur Luca Zug in Sachen Bildungspolitik.

LKA bei der OEZ-Pressekonferenz bezüglich des Amoklauf.

OEZ-Prozess: Ignoranz ist Toleranz

von

Wer nichts wissen will, muss sich mit allem abfinden“, so einst der Aphoristiker Harald Schmid.

Abfinden müssen wir uns beispielsweise mit einem der größten Massenmorde auf deutschem Staatsterritorium seit Gründung der Bundesrepublik 1946- dem Amoklauf am Münchner Olympiaeinkaufszentrum (OEZ).
Und genauso abfinden müssen wir uns anscheinend ebenfalls mit einer vermeintlichen Entpolitisierung dieser Tat. Denn diese wird bis heute als Amoklauf angesehen, jedoch nicht als politisch motivierter Terroranschlag.

Dabei sind Entpolitisierungen bereits lange keine Seltenheit mehr: 1980 stufte das bayerische Landeskriminalamt fälschlicherweise nach dem Oktoberfestattentat, die mittlerweile verbotene, Wehrsportgruppe Hoffmann nicht als rechtsextrem ein.
Von 1998 bis 2011 wurden in Sachen des NSU nationalsozialistische Hintergründe ausgeschlossen. Deutsche würden nicht morden, sondern nur Ausländer. Der Mord wäre eine „solch obszöne Straftat“, die eher den fern östlichen Staatsbürgern zuzuschreiben ist.
Und 2016? Verharmlost oder entpolitisiert man einen vermeintlichen Amoklauf, an dem acht unschuldige Jugendliche mit Migrationshintergrund umkamen?

Die Ermittler sehen Mobbing als Motiv. Eine Mobbingphase, die nachweislich Ende der Grundschulzeit des Täters, nicht mehr existent war. „Bereits 2011 gab es keine weiteren Mobbingvorfälle mehr“, legte ein führender Mitarbeiter der zuständigen „Soko OEZ“ mithilfe seines selbstverfassten, mehrere hundert Seiten langen, Abschlussberichtes, im nun stattfindenden Gerichtsprozess gegen den Waffenhändler, der durch das Verkaufen einer „Glock 17“  den Amoklauf erst ermöglichte, vor.
Der Amokläufer litt also, allen zugrundeliegenden Erkenntnissen nach, an keinen akut oder latenten psychischen oder physischen Misshandlungen in Sachen Mobbing. Lediglich bleibende Erinnerungswerte konnten sein Handlungsvermögen gegebenenfalls beeinflussen.

Wesentlich aussagekräftiger als das bisher projizierte Tatmotiv sind im Gericht vorgelesene Aktenausschnitte. So sympathisierte der Schuldige mit der AfD, war stolz darauf „Arier“ zu sein und am selben Tag wie Hitler Geburtstag zu haben.
Des Öfteren drohte er türkischstämmigen Schulkameraden, dass er sie erschießen werde und veröffentlichte ein Manifest, in dem er beschreibt, wie er „jeden deutschen Türken töten werde.“ Ein Manifest, wie es auch Rechtsextremist und Massenmörder Anders Behring Breivik verfasste, der 2011 auf Utøya 77 Menschen umbrachte. Der OEZ-Amokläufer war „fasziniert von dieser Tat“.
Zudem besuchte er zweimal Winnenden, Örtlichkeit des nun zweitgrößten Amoklaufes 2009 an einer Schule- Tatmotiv bis heute ungeklärt.
Er zeigte einmal öffentlich den Hitlergruß, verbreitete Hakenkreuze, beendete Konversationen mit „Sieg Heil“, betitelte Ausländer als „Kakerlaken“, „Untermenschen“ und „Untertanen“.
Der jetzig angeklagte Waffenhändler pflegte ähnliche Umgangsformen und ist im rechten Spektrum anzusiedeln.

Das Gerichtsfahren der OEZ-Tat beginnt

Inzwischen hat das Gerichtsverfahren gezeigt, dass eventuelle Mithelfer in den Anschlag eingeweiht waren: Sollte sich dies bewahrheiten, und diese ebenfalls im politisch-ultrarechten Spektrum vertreten sein, steckt dann vielleicht noch mehr hinter dem Amoklauf am OEZ? Gibt es doch politische Hintergründe?
Juristisch wäre dann zumindest die Voraussetzung für eine mögliche terroristische Vereinigung erfüllt.
Auf eine besonnene Neubewertung der Münchner-Tragödie durch den Vorsitzenden Richter Zimmer bleibt zu hoffen, sofern das Landeskriminalamt unter Federführung der Staatsanwaltschaft München I weiterhin auf die „Mobbing-Begründung“ beharrt.

Sollte es einen deutlich komplexeren und abweichenden Tathintergrund geben, dann dürfen wir diesen nicht verharmlosen. Wir dürfen ihn nicht beschönigen. Und wir dürfen ihn auf keinen Fall ignorieren. So würde man den Rechtsextremismus explizit tolerieren.
Ignoranz ist die Toleranz unserer Zeit.

Auch Luca Zug schrieb kritisch über den Amoklauf am Olympiaeinkaufszentrum.

Schlafender Prozess

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Es stürmt vor den Fenstern des Münchner Landgerichts. Wind und Regen mischen sich unter das plätschernde Geräusch der leisen Stimmen der Dolmetscher und dem Tippen der Protokollantin.

Das Interesse der Anwesenden ist augenscheinlich gering: „Suppenpeter“, ein Käufer des Angeklagten Phillip K. wird vom Vorsitzenden Richter Zimmer vernommen. Wenn man es nicht besser wüsste, dann könnte man denken, dass die meisten Nebenkläger, Zuschauer, Justizbeamten, Richter und Schöffen nur dösend die Zeit totschlagen. Ein Polizist betritt den Gerichtssaal, legt Handschellen auf die Bank der Staatsanwaltschaft, zwinkert seinem sitzenden Kollegen zu und verlässt den Saal wieder. Die Blicke der anwesenden Angehörigen der Opfer des OEZ Amoklaufs durchbohren den Angeklagten. Sie machen ihn verantwortlich für vieles, was ihnen in den letzten Monaten zugestoßen ist – allen voran den Tod einer ihrer Lieben.

Trotz der augenscheinlichen Langeweile ist die Stimmung angespannt: mehrmals reagiert einer der Staatsanwälte explosiv auf Einwürfe der Nebenkläger. Es wird gestritten – der Vorsitzende Richter Zimmer unterbricht die Verhandlung. Fünfzehn Minuten Pause.

Am 6. Verhandlungstag des Prozesses gegen den Waffenhändler bleibt eine Partei relativ unbehelligt – der Angeklagte und seine Verteidigung. Vielmehr ist dieser Hybridprozess ein Weg die ermittelnden Organe, neben einer Änderung der Anklage auf fahrlässiger- oder Beihilfe zum Mord, zu einer Umdeutung der Tat auf ein rechtsextremes Motiv zu zwingen. Allen im Gerichtssaal ist das klar, denn ein teilweises Geständnis in Form einer durch den Verteidiger des Angeklagten vorgelesenen Erklärung liegt bereits vor.

Ein Antrag auf Änderung der Anklage wurde dem Gericht von einem Anwalt der Nebenklage erneut vorgelegt. Demnach habe Phillip K., da er nicht nach dem Nutzen der Waffe fragte bzw. nicht daran interessiert war, nach dem Grundsatz „wird schon nichts schief gehen“ oder „und wenn schon“ gehandelt und den Massenmord somit zumindest billigend in Kauf genommen. Durch einen Kronzeugen könnten Beweise aufgeführt werden, dass K. sogar von der Planung wusste und dem Mörder Tipps gab, die zu einer Verurteilung zur Beihilfe zum Mord ausreichen könnten. Außerdem wird die politische Gesinnung des Waffenhändlers, die der Kammer durch mehrere Video-, Ton- und schriftliche Beweismittel als Grund aufgeführt.

Wie MovieJam Studios berichtete ist die Beweislage zu einer Umdeutung der Tat am OEZ bereits gegeben, es gibt nur ein Organ, das sich zu diesem Zeitpunkt dagegen wehrt: die Staatsanwaltschaft München I. Sie habe „keine Zweifel daran, dass eine [rechte] Gesinnung [beim Mörder und Waffenverkäufer] vorliegt“, nur sei ihnen die Relevanz nicht klar.

Schwer zu glauben, wenn bewiesenermaßen den Nebenklägern des Prozesses Akteneinsicht in wichtigen Fällen nicht gewährt wurde. Zudem wurden nach Angaben eines Anwalts der Nebenklage einige Unterlagen, die man dem Gericht als Beweis- und Verfahrensbeleg vorgelegt hatte, durch die Staatsanwaltschaft und ihre Ermittler „frisiert“. Das heißt, dass einige Daten und Fakten im Rahmen der Wahrheit absichtlich in einem anderen Licht dargestellt wurden.  Ein Zeuge aus der Staatsanwaltschaft Köln deckte auf, dass verdeckte Ermittler mit dem Amokläufer vor seiner Tat bereits Kontakt hatten. Dies ist nicht aus den Prozessakten hervorgegangen.

Fraglich bleibt, ob diese Anschuldigungen, die auch in Form eines Ablehnungsgesuchs an das Gericht weitergereicht wurden, nicht auch eigennützig für die verhandelnden Anwälte ist. Der Prozess würde im Fall einer Bestätigung des Gesuchs mit anderen Staatsanwälten von neuem beginnen.

So wird aktuell im Landgericht München weiter die Schuld des Angeklagten verhandelt – vielleicht auch nicht als Hauptaugenmerk.

Geändert hat sich nichts

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Erinnern Sie sich? — Da war mal was mit Bildung vor ein paar Monaten. Ganz genau wissen Sie es wahrscheinlich nicht mehr. Aber das ist ok – betrifft die meisten ja glücklicherweise nicht mehr. Leider hat das Kultusministerium und die Union nun damit genau das erreicht, was sie bezweckten.

München – Im April 2017 stimmte die CSU Landesfraktion nach dem Vorschlag des Kultusministers Dr. Ludwig Spaenle dem neunjährigen Gymnasium in Bayern zu. Es wurde groß plakatiert: bei uns geht es wieder mit bayrischer Gemütlichkeit zu — natürlich genau zur Bundestagswahl. Das Potenzial zur Verbesserung des gesamten Systems war da.  Die Konzepte, die Bildungskritiker, wie Prof. Dr. Harald Lesch (LMU) seit Jahren entwickelt haben, schienen möglich. Revolution in der Luft.

Naja – letztendlich wurde das G9 für die neue Generation von Gymnasiasten eingeführt. Einige unspektakuläre Reformen wurden dem neuen alten System hinzugefügt, um eine „Verbesserung“ vorzeigen zu können.

Trotzdem ergibt sich das gleiche Problem, wie bei der Einführung des G8: in extrem kurzer Zeit wird nun ein neues Bildungsystem eingeführt. Für die neuen (erweiterten) Lehrpläne müssen Bücher, Lehrkonzepte und Unterrichtsinhalte in wenigen Monaten entwickelt werden. Das setzt Scheitern voraus.

Lehrer an meiner eigenen Schule sind nun zunehmend mit Fortbildungen und Vorbereitungen auf das zusätzliche System beschäftigt, wenigen mit ihren jetzigen Schülern. Von einem Schüler, wie mir mag das wohl egoistisch klingen, aber hat nicht jede Generation das Anrecht auf die gleiche Bildungsqualität?

Der informierte Bürger fragt sich allerdings: woher der plötzliche „Umschwung“?

Die Jahre zuvor weigerte sich das Ministerium für Kultus quasi kleinkindlich gegen ein G9. Wir würden dadurch im internationalen Vergleich versagen und nicht den Wünschen der Wirtschaft gehorchen. Durch die undurchlässigen Mauern der CSU Regierung können wir nur spekulieren: der öffentliche Druck für einen Wechsel wurde zu groß, ein „catchiger“ Satz für die Wahl musste her. Das vorausgehende Machtspiel zwischen dem Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle und dem bayrischen Ministerpräsidenten Seehofer zeugt davon.

Was bedeutet das alles nun für uns Schüler?

Die Situation der aktuellen Schüler wurde nicht verbessert, denn es wurden keine Änderungen am G8 vorgenommen. Der Stoff des neunjährigen Gymnasiums wurde vermehrt, es bietet also genauso wenig Übungs- und Vertiefungsmöglichkeiten, wie seine achtjährige Schwester. Ist es also überhaupt eine Verbesserung? Es wurde um eine Erweiterung des Bildungssystem — damit verbunden die Verkomplizierung für Schulen durch Lehrermangel — sehr viel Wind gemacht, wahrscheinlich um Wähler zu gewinnen oder das Image aufzupolieren. Leider ist Bildung aber kein Wahlspruch, sondern ein Wahlversprechen: das Versprechen Änderungen und Verbesserungen hervorzurufen.

Aber wissen Sie was?  — Das kennen wir ja schon. Immer wieder gerne.

Das MovieJam Studios Film Das (Bildungs)system ist hier zu sehen:

(Der Autor besucht die 11. Klasse eines Gymnasiums im Münchner Landkreis.)

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