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Mit viel Gestik erklärt er seine Vorstellungen.

CSU-Blockade gegen Bildungserneuerung im Freistaat

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Alexander Spöri sprach im bayerischen Landtag mit dem Bildungspolitiker Martin Güll (SPD) über mögliche Bildungsreformen in Bayern. Der Abgeordnete wurde im Sommer durch seine attackierenden Worte gegenüber Kultusminister Spaenle (CSU) in einer hitzigen G8-Diskussion bekannt.

Fehlende Lehrer, Unterrichtsausfall, Frontalunterricht, zu viel Lernstoff und Digitalisierung.
Das Schulsystem muss zeitgemäß werden. „Eine Veränderung werde ich wohl nicht mehr miterleben, solange die CSU regiert“, meint Martin Güll, der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Denn die Regierung handelt nach der Devise: „Never change a running system“.

Martin Güll im Landtag über Bildung
Martin Güll im Plenarsaal des bayerischen Landtags. (Bild: Zug)

Der Schein mag trügen

Warum sollte man etwas verändern, wenn die Ergebnisse doch stimmen?
Bayern ist bundesweiter Spitzenreiter in den VERA-Vergleichsarbeiten und im PISA-Test.
Das Abitur in Bayern ist am Schwierigsten und hat den höchsten Stellenwert in der gesamten Bundesrepublik. Liest sich doch einwandfrei. Güll hebt den Kopf und lacht.
Verschlechtern sich die Resultate einmal, so werden Statistiken beschönigt. Hierbei ist es lange kein Geheimnis mehr, dass seit Jahren Vertretungsstatistiken manipuliert (wir berichteten) und Testergebnisse durch den Ausschluss gewisser Schularten besser dargestellt werden.

„Die CSU blockiert eine Neuorientierung“, pflichtet Güll bei. Nichtsdestotrotz hält er mit wichtigen Verbesserungsansätzen und Lösungsvorschlägen im Landtag Paroli. So will er beispielsweise die Digitalisierung an Schulen stärken. „Es darf nicht nur Technik bereitgestellt werden, sondern auch die Lehrer müssen eingewiesen werden.“ Auch ein alleiniger Informatikunterricht sei ihm nicht genug, denn der Abgeordnete fordert ebenfalls eine bessere Einbindung in den Unterricht.
Wie heute stellt er sich diesen übrigens nicht mehr vor.
Der Bildungsausschussvorsitzende träumt von einem Paradigmenwechsel:
Schule ohne Fächerbindung. Wochenlange Projektseminare. Und diese könnten trotzdem fächerübergreifende Bildung stärken und seien viel näher an der Realität orientiert.

Seit 2008 sitzt Güll nun im Landtag. Zuvor war er selbst Lehrer an einer Hauptschule. Der Bildungssprecher gibt zu, dass „er damals auch falsch inadäquat“ unterrichtet habe, dann aber sein Paradigma änderte. Eine bessere, zeitgemäße Denkweise, machte ihn im Maximilianeumsgebäude womöglich zu einem der größten Konkurrenten gegenüber dem Establishment.

Mit viel Gestik erklärt er seine Vorstellungen. (Bild: Zug)

Gegen Zentralisierung der Bildung, aber für Veränderung

Der Abgeordnete besuchte führende Bildungsnationen (nach der PISA-Studie) wie Singapur, Estland und Finnland, kam aber letztendlich zu der Erkenntnis, dass diese Systeme nicht einfach in Deutschland übernommen werden können. Güll ist gegen die Zentralisierung des Schulsystems: „Finnland ist so groß wie ungefähr zwei deutsche Bundesländer.“ Eine solche Zentralisierung auf Bundesebene sei dort einfacher, hier jedoch nicht durchführbar, da die Bundesrepublik einfach „zu vielschichtig“ sei. Dennoch mag er dem Bund mehr Aufgaben zukommen lassen. So könnte er beispielsweise finanziell besser einspringen. Zurzeit sind die Bundesländer da noch recht auf sich selbst gestellt.

Was können wir machen?

Immer wieder fällt der Begriff „Paradigmenwechsel“. Güll erklärt. Güll schwelgt. Güll träumt.
Der Traum ist allerdings gut. Wie können wir Änderungen forcieren? “ Einerseits durch Petitionen“, meint der Politiker.

Auf der Homepage des bayerischen Landtags können Petitionen gestellt werden. Jede einzelne muss dann von den Verantwortlichen abgearbeitet werden.

 Da könnte man der Regierung mal ordentlich einheizen.
Wirklich handeln würde die Landesregierung allerdings nur „wenn der öffentliche Druck zu groß wird“. Genauso war es bei der Debatte über die Rückführung zum neunjährigen Gymnasium. Dann greift gegebenenfalls sogar der Ministerpräsident Horst Seehofer ein. „Er hat ein gutes Gefühl dafür, wenn der Druck zu groß wird.“ Vor einigen Wochen titelte die Süddeutsche Zeitung: „Spaenle, der bestbezahlteste Praktikant Deutschlands“. In den letzten Monaten war er dies auf jeden Fall.

Schülerdemonstrationen?

„Schüler könnten sich ebenfalls mehr organisieren“, ergänzt Güll, „natürlich auch in Form von Demonstrationen“.
Das sei hier durchaus angebracht.
Eltern wollen eine Veränderung. Schüler wollen eine Veränderung. Lehrer wollen eine Veränderung. Politiker wollen eine Veränderung. Selbst das Ausland fragt sich bereits, warum Deutschland als eines der stärksten Industrieländer, doch am Wenigsten für die Bildung des eigenen Nachwuchses ausgibt.
„Die Zeit verändert sich, die Gesellschaft verändert sich, die Welt verändert sich“, beschreibt Güll zum Ende des Gespräches, „auch Bildung muss voranschreiten.“

 

Der Produzent Alexander Spöri schrieb weitere Artikel über Bildung wie: Erwachsenwerden oder Kind sein?

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