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Spaenle spricht über die Oberstufe

Oberstufe am Gymnasium: Erwachsenwerden oder Kind sein?

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Die Ausbildung von Jugendlichen in der gymnasialen Oberstufe scheitert. Denken und Arbeiten wie Vollzeitbeschäftigte, und doch im individuellen Heranwachsen zum Erwachsenen gestört.

„Schüler werden auf ihr zukünftiges Berufsleben vorbereitet.“
Oft sprechen Lehrer diesen Satz in der Oberstufe aus. Entweder ist dessen Wahrheitsgehalt einfach überbewertet oder es handelt sich lediglich um einen schlechten Witz.
Was nützt unserer Gesellschaft das Eintrichtern von Informationen in der Schule, die wiedergegeben, nach Äquivalenz bewertet werden, wenn es doch die kreative Selbstentschlossenheit zur Kreation und Innovation ist, die unser Land vorantreibt?

Auch in der Oberstufe hat sich nichts geändert. Die ersten Gymnasiasten werden volljährig und doch in ihrer selbstständigen Entfaltung eingeschränkt.
Die Anforderung: Denken wie Erwachsene. Arbeiten wie Erwachsene.
Und gleichzeitig Hausaufgaben machen, für lästige Abfragen lernen, unangekündigte Exen schreiben und die Meinung des Lehrers reproduzieren. So überlebt man die schulische Laufbahn am Einfachsten. Mag es auch pädagogische Sichtweisen und Erkenntnisse geben, die Bildung so definieren, handelt es sich trotzdem um nichts Geringeres als ein Überstrapazieren des Alltages.
Wir, Jugendliche, haben eine verpflichtende 32-Stunden-Woche. Angereichert wird diese mit individuellen zusätzlichen Wahlkursen, Additum und Seminaren. Hinzu kommt eine empfohlene tägliche Lernzeit zur Vertiefung des Unterrichtsstoffes in der Oberstufe von zwei bis vier Stunden. Hausaugaben kommen auch noch dazu, vergessen wir aber nicht die Referate, die elenden Lernnächte für eine ausreichende Leistung in der Klausur, sowie die Nächte, in denen wir vor unseren Büchern einschlafen.

Wir, Schüler, leisten so viel wie ein Vollzeitbeschäftigter! Die Entlohnung: Ein Zettel, auf dem draufsteht, wie viel Punkte wir gesammelt haben. Mag es auch keine körperliche Arbeit sein, ist es de facto ein Leistungsdruck, wie er wohl kaum einen Berufstätigen belastet.

Eine Oberstufenstunde beginnt: Begrüßung- und dann werden auch schon fremde Hefteinträge und Arbeitsblätter nach dem Prinzip des Auswendiglernens abgefragt. Und dann? In vielen Fächern geht es gleich weiter mit einem erneuten Abschreiben eines zu lernenden Tafelbildes.
Mental abwesende Schüler werden derweil mit kontroversen Fragen, deren Antworten sie sowieso nicht kennen, konfrontiert. Haben diese Jugendlichen keine Lust auf den Unterricht oder erscheint ihnen dieser einfach so monoton, dass sie das Interesse am Thema verlieren? Die Antwort liegt wohl auf der Hand.

Anschließend werden noch zügig Hausaufgaben- und wehe man hat sie nicht erledigt- kontrolliert und dann klingelt es auch schon zum Stundenende.

Die Aufgabe eines Lehrers ist es, den Horizont zu erweitern, das Interesse für nie dagewesene Themen zu wecken, zur Kreativität anzuregen, dieser freien Lauf zu lassen, sodass sich nach Eigenreflexion des Schülers, in einem weiterführenden Prozess, die eigene Meinung bildet.
Mit der Devise „Begrüßen-Abfragen-Abschreiben-Hausaufgabenkontrolle-Hausaufgabenaufgeben“ wird diese nicht zu Stande kommen.

An die Lehrer der Oberstufe

Liebe Lehrer, nun ist die Zeit gekommen, Ihnen ein erweitertes Konzept vorzustellen. Die Jugend erreichen Sie nicht, indem sie Schüler fragen, was sie interessiert, denn das wissen sie oftmals ohnehin noch gar nicht.
Versetzen Sie sich doch einmal in Ihre Zeit am Gymnasium. Sicher waren Sie auch kein Fan von elend langen Ausfragen, spontanen Stegreifaufgaben, dem ewigen Abschreiben sämtlicher Hefteinträge und dem Auswendiglernen von Fakten. Ihr Job ist es, Schüler für Ihre Themen zu gewinnen. Wie soll das gehen, wenn oftmals schon die Eigenüberzeugung fehlt? Wir werden Ihnen niemals alle folgen können, Sie können die Mehrheit jedoch weit weg von Leistungsdruck abholen. Wecken Sie doch unser Interesse! Oftmals lernen wir Dinge, deren reale Anwendung nie weiter erläutert wird. Erweitern Sie Ihr Unterrichtskonzept, dann ändert sich vieles von alleine.

Einerseits sollen wir, Jugendliche, erwachsen werden, müssen uns dann allerdings noch in der Oberstufe mit inkohärenten und ungebräuchlichen Leistungsforderungen auseinandersetzen: Welcher Arbeitgeber frägt täglich spontan vier bis sechs völlig unterschiedliche Thematiken in auswendiggelernten Bereichen ab?
Unsere Gesellschaft benötigt Innovation durch Kreation, nicht Reproduktion. Kreation und nötige Kreativität entstehen durch die Expansion des Unterrichtes weg vom 0815-Standard! Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Gerne lade ich Sie zu diesem ein!

 

MovieJam Studios und Produzent Alexander Spöri gewannen 2017 den Münchner Jugendfilmpreis in der Kategorie „Bester Film“ für die Bildungsreportage Das (Bildungs)system.
In dieser Kategorie schreibt derzeit auch Regisseur Luca Zug in Sachen Bildungspolitik.

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